Archäologie im zweiten Stock - Depotfunde aus dem Mühlberg-Ensemble in Kempten

Funde aus 		dem Mühlberg-Ensemble

Abb. 1: Die Funde aus dem Mühlberg-Ensemble auf einen Blick (Foto: Roger Mayrock und Birgit Kata).

Literatur
Ericsson, Ingolf/ Atzbach, Rainer (Hgg.), Depotfunde aus Gebäuden in Zentraleuropa. Concealed Finds from Buildings in Central Europe, Bamberger Kolloquien zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 1. = Archäologische Quellen zum Mittelalter 2 (Berlin 2005). Darin Vorberichte zu allen Projektteilen.
Atzbach, Rainer, Leder und Pelz am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit. Die Funde aus den Gebäudehohlräumen des Mühlberg-Ensembles in Kempten (Allgäu). Bamberger Schriften zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 2.= Mühlbergforschungen 1 (Bonn 2005).

Die Funde aus dem Mühlberg-Ensemble - eine neue Quelle der Kostümkunde und Handwerksforschung
Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit findet meist als Ausgrabung unterhalb der Grasnarbe statt. Einen Sonderfall stellen jedoch so genannte Depotfunde aus Gebäudehohlräumen dar, die im Zwischenraum von Decke und Fußboden (Fehl- oder Blindböden) oder hinter Wandverkleidungen verborgen die Jahrhunderte überdauern können. Der Bamberger Lehrstuhl führte gemeinsam mit der Stadtarchäologie Kempten (Dr. G. Weber) und der Fachgruppe Geschichte der Universität Konstanz (Prof. Dr. H. Maurer) die Auswertung des mittlerweile bekanntesten Depotfundes in Europa durch:
Im Zentrum der ehemaligen Reichsstadt Kempten (Allgäu) befindet sich das Mühlberg-Ensemble, eine Gruppe im Kern spätmittelalterlicher Bürgerhäuser in unmittelbarer Nachbarschaft der Stadtpfarrkirche St. Mang. Die Stadtarchäologie untersuchte 1996/97 im Vorfeld eines Umbaus auch die Deckenfüllungen und Wandverkleidungen, die zahlreiche Funde enthielten. Das breite Spektrum der zwischen spätem Mittelalter und frühem 20. Jahrhundert eingelagerten Objekte reicht von Schuhen und Kleidungsstücken über die Handwerksabfälle einer Dreherei bis zu Münzen, Spielkarten, Schreibübungen, einem Sendschreiben von 1364 und einem Liebesbrief, den ein professioneller Briefsteller für einen wohl weniger wortgewandten Freier verfasste (Abb. 1). Neben der Typenvielfalt besticht insbesondere der exzellente Erhaltungszustand; die meisten Gegenstände sehen aus als hätten sie fünf Jahre auf dem Dachboden gelegen - und nicht über 500 Jahre. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) förderte das interdisziplinäre Projekt wegen seines Pilotcharakters in maßgeblichem Umfang: Historiker, Archäologen, Textilkundler, ein Numismatiker und ein Musikalienforscher nahmen sich zwischen 1998 und 2003 der beiden Zeitkapseln an, die unmittelbares Zeugnis von den einstigen Bewohnern des Mühlberg-Ensembles ablegten.

Die Geschichtswissenschaft zieht üblicherweise nur indirekt Nutzen aus archäologischen Grabungen - wenn diese das Geschichtsbild etwa um Details zur Alltagskultur oder zu Fernbeziehungen bereichtert. In Kempten fanden sich dagegen sogar neue Schriftquellen, die nicht nur Studien zur Ausfertigungsform und Inhalt, sondern auch zur Verbreitung der Schreib- und Lesekenntnisse an der Schwelle zur Neuzeit erlaubten. Offensichtlich arbeitete hier in unmittelbarer Nachbarschaft der Pfarrkirche ein Schreiber, vielleicht übte er zugleich den Kantorberuf aus, denn der Fundort, das Anwesen St.-Mang-Platz 8, wurde in späterer Zeit auch als "Vorsingerhaus" bezeichnet. Möglicherweise sind auch die vorgefundenen Überreste von Musikinstrumenten im Zusammenhang mit dieser Überlieferung zu sehen, so fanden sich außer einer kleinen Flöte auch die Spuren von Reparaturarbeiten an Streich- und Zupfinstrumenten.

Den umfangreichsten Anteil der Funde stellen Leder- und - wie sich erst im Laufe der Auswertung zeigte - Pelzobjekte sowie textile Kleidungsstücke. Über mehrere Generationen wirkte vor Ort eine Flickwerkstatt. In die Depots gelangten dementsprechend vor allem komplett verschlissene Objekte, die nicht mehr weiter zu verwenden waren oder Verschnittreste. Dieser von den letzten Benutzern offenbar unbeachtete Müll entpuppte sich u.a. als der größte Pelzfundkomplex des späten Mittelalters in ganz Europa. So gelang aus den unscheinbaren Resten nicht nur die Rekonstruktion der Schuhmode im Allgäu, sondern erstmals auch die Unterscheidung der handwerkstypischen Arbeitsweisen von Schustern, Altmachern, Kürschnern und Flicknähern. Am Ende des Mittelalters lebte im größten Gebäude des Mühlberg-Ensembles, St.-Mang-Platz 12, eine Gemeinschaft frommer Frauen. Es ist nicht auszuschließen, dass diese in den Quellen als "Schwestern" bezeichnete Beginengemeinschaft zu ihrem Lebensunterhalt Näharbeiten verrichtete oder auch Kinder betreute. Die Anzahl der vorgefundenen speziellen Kleidungsstücke (Pelzgugeln) stimmt mit ihrer überlieferten Kopfstärke überein. Auch die Kleidergrößen sprechen für eine vorwiegend aus Frauen und Kinder bestehende Bewohnerschaft.

Wahrscheinlich gelangten die Funde bei einem Besitzerwechsel in die Deckenfüllungen, der möglicherweise mit der Einführung der Reformation im frühen 16. Jahrhundert in Zusammenhang steht. So spiegelt sich der bezeugte Bildersturm auf die Pfarrkirche unmittelbar in den Holzfunden der Depots wider, hier lagen neben zahlreichen Handwerksabfällen, die auf einen Drechsler und wiederum Bekleidungsberufe deuten, auch hölzerne Maßwerkteile und andere Reste der Kirchenausstattung, die nach der Purifizierung nicht mehr benötigt wurden. Gerade die doch eigentlich als Brennmaterial verwendbaren Holzfunde widerlegen das verbreitete Bild der vormodernen Mangelgesellschaft, die auf sorgfältige Wiederverwendung von Rohstoffen achtete.
Unter den vorwiegend unscheinbaren Metallobjekten stechen mehrere Fragmente von Brigantinen (Panzerwesten) hervor, die einen Bezug zum in Kempten wichtigen Wirtschaftszweig der Harnischmacher herstellen. Den sichtbarsten Hinweis auf das alltägliche Wirtschaftsleben bilden über 200 Münzen. Niemals handelt es sich um wertvolle Stücke - diese wären auch sicherlich geborgen worden -, sondern durchgehend um kleine Nominale, die die Einbindung der Bewohnerschaft und der Stadt Kempten in den weiteren Wirtschaftsraum des östlichen Bodenseegebietes dokumentieren.

Insgesamt bilden die Funde aus dem Mühlberg-Ensemble, aber auch alle verwandten Depots aus Gebäudehohlräumen, eine neue Quelle der Archäologie, Hausforschung und Alltagsgeschichte. Grundsätzlich ist in jedem Haus mit der Erhaltung derartiger Zeitkapseln zu rechnen. Sie sollten unbedingt geschont oder zumindest sachgemäß geborgen werden.


 

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Rainer Atzbach M. A.
Assistant Professor
Medieval and Renaissance Archaeology
Aarhus University
Moesgaard
8270 Højbjerg Dänemark

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